Kreatives

Das gelbliche Blatt im Aktenordner

Ich trank die Kaffeetasse aus. Schluck für Schluck. Und stellte sie neben den Rechner. Der erste Moment am Tag, an dem ich purer Stille lauschte. Doch mit dieser war es schnell vorbei.
Meine Chefin, Frau Superschlau, stürmte in mein Büro als würde jemand Amok laufen. Sie warf mir total unnötige Dinge vor den Kopf, wie „Sie sind der unverantwortlichste Mitarbeiter aller Zeiten“ oder „Wenn ich den neuen Bauauftrag nicht in zwei Minuten auf dem Tisch habe, sind Sie gefeuert“ und noch unglaublich viel Weiteres, das mir einfach nur Zeit zum Arbeiten raubte. Den von ihr geforderten Bauauftrag legte ich ihr jedoch noch am selben Tag auf den Tisch und auch wenn es keine zwei Minuten später waren, wurde ich nicht gefeuert, zumindest noch nicht.

Plötzlich bemerkte ich ein leicht gelblich gefärbtes Blatt in meinem persönlichen Aktenordner. Mir war klar, dass es vorhin noch nicht im Ordner lag, doch wie ist es dorthin gekommen, oder wer hat es dort hinein gelegt? Wollte mir meine Chefin die Kündigung so mitteilen, damit es noch schmerzhafter wird für mich wurde? Oder liegt dort die Bestätigung meiner Beförderung und dass ich nach Dubai ziehe, um dort die Leitung des Unternehmens zu übernehmen? Fragen über Fragen. Doch diese ließen sich ganz einfach damit beantworten, den Zettel zu lesen und somit die Wahrheit zu kennen. Mir zog der Frost über den Rücken, als ich ganz langsam den Zettel aus dem Ordner nahm. Ich war unglaublich aufgeregt und war mir noch immer nicht sicher, ob es richtig war, ihn zu lesen. Nach langem Zögern nahm ich das Blatt in die Hand und las es voller Angst. Mir blieb das Herz stehen. Plötzlich klingelte mein Handy wie wild. Eine unbekannte Nummer und ich nahm ab. Was mir gesagt wurde, würde mein Leben komplett verändern, das wusste ich.


Ich nahm das nächste Taxi zu mir nach Hause. Dort packte ich in Blitzesschnelle meinen Koffer und buchte mir einen Platz im nächsten Flugzeug nach Dubai, zum Glück konnte ich den letzten freien Platz ergattern und mir war egal, wie teuer das Ticket sein würde, Hauptsache ich komme schnellstmöglich nach Dubai. Der nächste Flug ging am nächsten Morgen um neun Uhr, am Flughafen musste ich jedoch schon um sechs Uhr sein, um meinen Koffer abzugeben und anderes.
Nach dem wir in Irland einen Zwischenstop gemacht hatten, lernte ich einen freundlichen alten Herren im Flugzeug kennen, der in Dubai seinen Sohn sehen wollte und irgendwie erinnerte er mich an mich selbst. Wir unterhielten uns über allgemeine Sachen, wie Hobbys und anderes. Er erzählte mir auch viel über seine Jugend und dass er einen Sohn hätte, den er in Dubai zum ersten Mal treffen würde. Er sagte, das einige, was er von seinem Sohn hätte, wäre seine Telefonnummer. Kein Bild, kein nichts. Ich fragte nach und er sagte, seine damalige Frau sei kurz vor der Trennung schwanger geworden und hätte ihm dies verheimlicht, erst vor Kurzem habe er davon erfahren und hat seinen Sohn kontaktiert, um ihn in Dubai zu treffen. „Wow“, dachte ich bloß, denn wie kann man jemandem verheimlichen, dass er einen Sohn hat? Der Flug war ein wenig turbulent, da immer wieder starke Turbulenzen das Flugzeug zum Sinken brachten. Als der halbe Flug vorüber war, begann das Flugzeug heftig zu schwanken und genauso schwankte mein Magen mit. Zum Glück gab mir noch kurz vor knapp eine Stewardess einen Eimer und der freundliche alte Mann neben mir ging den Eimer leeren. Als wir endlich gelandet waren, konnte man mir die Erleichterung ansehen, nicht mehr in diesem wackelndem Flugzeug zu sitzen. Der pure Horror für jeden Reisekranken.
Ich buchte mir ein Hotelzimmer in einem normal teurem Hotel etwas außerhalb der Stadt, weil ich ja auch kein Millionär bin, dass ich mir eines in der Innenstadt leisten könnten. In Dubai sind die Hotels einfach nur überteuert!
Ich ging an die Rezeption und klingelte. Ich wartete und wartete auf jemanden der mir meinen Zimmerschlüssel gibt. Ich stand da schon 10 Minuten und es kam immer noch keiner! Meine Geduld neigte sich dem Ende zu und ich begann sauer zu werden. Ich klingelte noch ein paar Mal, bis ich laut sagte: „Wenn hier niemand seinen Job macht, werde ich wohl den Besitzer des Hotels mit einbeziehen.“ Um den Angestellten Druck zu machen. Und das klappte auch, denn jemand kam aus dem Hinterzimmer. Eine dunkle Gestalt mit schwarzem Umhang und einem Sonnenschirm. Mein erster Gedanke war: ‚“Gibt es in Dubai Vampire?“ Das konnte ich aber nicht laut fragen, denn dann würden die anderen denken, ich hätte einen Schaden. Als die Gestalt mir näher kam, konnte ich jemanden erkennen. Es war ein großer, schlanker und schwarz gekleideter Mann mit Sonnenbrille. Mir lief es kalt den Rücken runter. Er fragte mit hochdeutschem Akzent: „Wie kann ich Ihnen helfen?“ Ich stotterte: „Ich bräuchte meinen Zimmerschlüssel.“ Mit zitternder Hand nahm ich ihn entgegen und verschwand schnellstens in mein Zimmer.



Am nächsten Morgen wollte ich hinaus um die Stadt ein wenig zu erkunden. Ich sah viele Sehenswürdigkeiten, wie die Dubai Fountain oder die Dubai Mall. Mir wurde da erst klar, wie atemberaubend schön Dubai eigentlich ist. Mir gefiel die Kultur und das in Dubai die verschiedensten Menschen zusammen kommen auch ziemlich gut. Eine wunderschöne Stadt!

Nach meinem schönem Spaziergang ging ich zurück ins Hotel um mich auf den aufregendsten Moment in meinem Leben vorzubereiten und mich schick zu machen. Dann verließ ich das Hotel mit dem Gedanken, dass ich als jemand anderer zurück käme. Mein Puls stieg und mein Herz raste förmlich. Dann stand ich da, voller Vorfreude meinen Vater zum ersten Mal in meinem Leben kennen zu lernen. Auf dem gelblichem Blatt stand sein Name und das er hier wohnen würde. Kurz nachdem ich den Zettel las, rief er mich an und sagte, er würde im Umzug nach Dubai stecken und dass er zu diesem Zeitpunkt noch in Irland lebe. Ich fragte ihn, wann er nach Dubai reise, damit ich ihn dort treffen könnte. Seine Antwort lautete, er fliege am nächsten Tag und somit gingen meine Reisepläne los, um am nächsten Tag auch dort zu seien.

Die vereinbarte Zeit war gekommen. Ich wartete auf ihn und wartete.
Beim Warten konnte ich den alten Mann aus dem Flugzeug entdecken. Ich ging zu ihm und begrüßte ihn freundlich. Es ist echt ein großer Zufall gewesen, dass ich ihn genau jetzt in so einer großen Stadt wie Dubai wieder sah. Ich fragte ihn, wie es ihm ginge und warum er genau dort war, wo ich war. Seine Antwort war: „Ich bin hier, um meinen Sohn zu treffen, wir hatten am Telefon ausgemacht, uns hier zu treffen und uns kennen zu lernen.“ Wow dachte ich mir, wir trafen uns zur gleichen Zeit am gleichen Ort mit einem Verwandten, den wir noch nie sahen. „Das ist ja ein Zufall“, rutschte da aus mir heraus. „Was ist ein Zufall?“, fragte er misstrauisch nach. „Ehm, ich meine es ist ein Zufall, dass sie hier zum ersten Mal Ihren Sohn sehen und ich hier zum ersten Mal meinen Vater treffe und keine von unseren Verabredungen pünktlich aufgetaucht ist. Finden Sie nicht, dass es ein wenig merkwürdig ist?“, hinterfragte ich frech. „Nein! Mein Sohn steckt bestimmt im Stau und meldet sich jeden Moment bei mir! Wissen Sie was, ich ruf ihn jetzt an!“ Es wurde still und man hörte bloß das Klingeln eines Handys. Meines Handys! Ich schaute aufs Handy und zeigte dem alten Mann das Display und die eingeblendete Nummer. Der Mann fiel beinahe um! Er flüsterte: „Nein, nein… Das kann nicht sein. Das ist ein Missverständnis und ich habe mich vertippt! Auf keinen Fall… Das kann nicht sein…“ „Anscheinend schon, Papa…“, kam da aus mir mit gefühlvoller Stimme heraus und ich umarmte ihn ganz fest, „Endlich habe ich dich gefunden“ und er umarmte mich auch. Das erste Mal, seitdem Mama starb, wurde die Leere, die ich empfand, gefüllt. Ich habe meinen Vater gefunden! Ich war einfach überglücklich, sodass ich es nicht in Worte fassen konnte, wie ich mich fühlte. Voller Glück, Freude und Euphorie. Ich hätte vor Glück schreien, tanzen und singen können, so glücklich war ich.


Nachdem wir unser Glück voll ausschöpften gingen wir ein Eis essen und erzählten uns, wer wir sind, was wir mögen und was eher nicht, ob man den anderen vor dem Frühstück ansprechen sollte und ob man Haustiere hat, beziehungsweise möchte und noch so andere Sachen, die ich als Sohn und er als Vater wissen sollte.
Es kam mir noch immer so fremd vor, jemanden mit „Papa“ anzusprechen, da ich so etwas noch nie tat. Es war ein unbeschreibliches Gefühl, von jetzt auf gleich einen Vater zu haben, den ich sah, aber nicht wusste, dass er es war, den ich zum ersten Mal im Flugzeug sah und der mich als im Flugzeug als brechenden Mann wahrnahm! Schon eine etwas eigenartige erste Begegnung, aber zumindest wusste er nun, dass man immer einen Eimer mithaben sollte, falls es bei mir kritisch wird, was ungefähr bei 100 Prozent der Flüge passierte.

Nach unserem Kennenlerntreffen gingen wir in sein neues Haus in Dubai und planten und planten, doch was die Zukunft für uns wohl bringen mochte, das wussten bisher bloß die Sterne…