Alles hängt von einem ab

Es war ein mittlerweile schon ganz normal gewordener Dienstagmorgen im Distanzunterricht, an dem ich wach wurde. Ich hab wie jeden Dienstag um 12:00 meine Physik Konferenz begonnen und auch wieder beendet. Nichts Besonderes. Doch was kurz nach der Konferenz geschah, ließ mein Herz fast still stehen!
Unser ganzer Strom war weg! Meine erste Sorge ging natürlich an mein Handy, wie soll ich es nur ohne Strom aufladen. Doch ich Genie, ging natürlich zu den Nachbarn und fragte ob ich bei denen mein Handy aufladen könne. Es ist ja nicht so, als würden in einem Mehrfamilienhaus entweder alle oder niemand Strom haben… Überhaupt nicht. Ich fragte Mama, ob ich zu Tom gehen könnte, um bei ihm mein Handy aufzuladen und mir die Zeit vertreiben zu können. Doch sie musste mir die traurige Nachricht überbringen, dass er auch keinen Strom hatte, und das ganz Kamp-Lintfort ohne Strom dastand. Am liebsten wäre ich bis nach Moers mit dem Fahrrad gefahren, um dort alles wieder aufzuladen. Denn es fuhren auch keine öffentlichen Verkehrsmittel mehr, da man dafür entweder Benzin, Diesel oder Strom braucht. Es ist ja offensichtlich, dass wir keinen Strom haben, tanken kann man aber auch nicht, da der Krafstoff, also das Benzin, der Diesel oder sonst was an der Tankstelle auch bis in den Wagen gepumpt werden muss, der kann ja nicht ins Auto fliegen und genau das muss mit Strom passieren. Genau während Corona, obwohl jetzt doch alles digital und möglichst kontaktlos erfolgen soll. Noch mehr Pech kann man doch nicht haben. Ich ging trotzdem zu Tom, um so eine Art Brainstorming zu machen, was man denn jetzt tun kann, denn wir hocken nun mal den ganzen Tag allein zuhause am Handy, PC oder sonst was.
Unsere Liste war anfangs nicht so lang. Da stand bloß Hausaufgaben, Hausaufgaben und noch mehr Hausaufgaben. Traurig oder? Als Toms Vater ins Zimmer kam, schaute er uns bloß kopfschüttelnd an. Er sagte uns voller Enttäuschung, jedoch auch amüsiert : „Das ist ja wohl nicht euer Ernst. Ihr werdet es ja wohl ein paar Tage ohne eure Handys überleben, übrigens gibt es viel dramatischere Dinge. Es hängt viel viel mehr vom Strom ab, als ihr denkt. Wir haben jetzt nämlich kein warmes Wasser mehr und wie unsere Läden in der Innenstadt das machen wollen, frage ich mich auch… Mal schauen.“ „Was haben die Läden denn damit zu tun“, schoss da einfach aus mir heraus. „ Mit was werden denn die Kassen betrieben? Womit bewegen sich denn die Türen am Eingang? Wie geht denn das Licht in den dunklen Stellen des Ladens an? Wie wird denn der riesige Kühlschrank mit der Wurst betrieben? Alles hängt vom Strom ab!“, erklärte Toms Vater mir. Ich begriff. Wir sind viel abhängiger vom Strom, als ich je gedacht hätte.

Am nächsten Morgen sah ich alles, was mir Toms Vater gestern gesagt hatte. Die wenigen, geöffneten Lebensmittelläden waren dicht, bloß Real hatte geöffnet, um die Grundversorgung der Menschen sicher zu stellen und ließ sich dafür einiges einfallen, um den Einkauf so angenehm wie möglich zu gestalten. Alle anderen Läden brachten ihre nicht kühlbedürftigen Lebensmittel dorthin und bekamen für die fehlenden Einnahmen als eine Ersatzzahlung von der Stadt, damit sie nicht in finanzielle Probleme kamen. In welcher Weise das gerecht den Einzelhändlern gegenüber war, war ziemlich fragwürdig. Bloß mit dem Bezahlen wurde es kompliziert, denn mit der EC-Karte konnte man ohne Strom nicht zahlen und Bargeld abheben auch nicht. Wir mussten dann zum Rathaus uns Bargeld abholen, das Mama dann, nachdem wir wieder Strom hatten, von ihrem Konto abgezogen wurde. Eines verunsicherte mich dennoch.

Wie würde es mit der Schule weitergehen? Wir haben schließlich digitale Unterrichts Konferenzen. Unsere Aufgaben bekommen wir digital und müssen sie auch wieder digital abgeben. Wie soll das denn nun ohne Strom und somit ohne Handy funktionieren? Wir können die Hausaufgaben schlussendlich nicht per Brief bekommen, denn die Post hat auch zu!? Alles hat abseits von Corona geschlossen. Wäre es als wieder Gutmachung wegen dem fehlendem Strom nicht gerecht, ein Ende der Pandemie zu fordern? Ich finde schon!? Gerechtigkeit muss sein! Na ja…
Am Ende mussten wir unsere Hausaufgaben wirklich am Schulkiosk abholen und wieder abgeben. Anders ging es leider nicht… Nachdem ich die Aufgaben abholen ging und auch machte, ging ich nach draußen mit den Nachbarkindern Fußball spielen und danach grillten wir, das taten wir jeden Tag, denn fürs Grillen brauchte man keinen Strom.
Das war richtig schön, so ohne Handy die ganze Zeit. Ich hatte das Gefühl, Mama wieder ein wenig näher gekommen zu sein, weil man einfach mehr Zeit miteinander verbringt, sich unterhält und mehr wertschätzt.