{"id":1512,"date":"2022-03-24T19:10:14","date_gmt":"2022-03-24T19:10:14","guid":{"rendered":"http:\/\/forstersreise.de\/?p=1512"},"modified":"2022-12-08T12:36:54","modified_gmt":"2022-12-08T12:36:54","slug":"roland-schreyer-berichtet-das-perfide-system-der-ddr","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/forstersreise.de\/?p=1512","title":{"rendered":"Roland Schreyer berichtet: Das perfide System der DDR"},"content":{"rendered":"\n<p>Stille, blo\u00df die Stimme von Roland Schreyer, einem Zeitzeugen aus der ehemaligen DDR, welcher am 17.03 dem Geschichtskurs der Q2 von seiner riskanten Flucht kurz vorm Mauerfall, seiner Vorbereitung, aber auch \u00fcber die Inhalte seiner Stasi-Ordner berichtete.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach einer kurzen Fotosession von Schreyer und kurzzeitig technischen Schwierigkeiten begann Herr Winzen die Vorstellung, indem er in einer kurzen Rede beteuerte, wie wichtig die Demokratie in einer Gesellschaft ist und wie gl\u00fccklich sich unsere Generation sch\u00e4tzen kann, nicht in einer Diktatur aufwachsen zu m\u00fcssen, wie Roland Schreyer es musste, Herr Winzen betonte auch: ,,Demokratie ist jeden Tag bedroht. Demokratie in Freiheit ist nicht wie selbstverst\u00e4ndlich gegeben, sondern muss jeden Tag neu erk\u00e4mpft werden.\u2018\u2018<\/p>\n\n\n\n<p>Kurz darauf begann auch schon der Zeitzeuge, von der st\u00e4ndig anwachsenden Grenzanlage um die DDR zu berichten und den Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern zu erl\u00e4utern, mit welch einer Raffinesse die Grenzanlage erbaut wurde und wie teuer der perfide ausgebaute Signalzaun, welcher bei Ber\u00fchrung einen stillen Alarm abgab, war. Schreyer selbst, erl\u00e4uterte er, wuchs mit einer kommunistischen Erziehung auf, in der die Kinder schon fr\u00fch manipuliert wurden. Die Jugend war ideologisch nachhaltig gepr\u00e4gt, sodass sogar Jahrzehnte nach dem Mauerfall in einem alten Klassentreffen noch Streit dar\u00fcber angefangen wurde, ob die DDR gut oder schlecht war.<\/p>\n\n\n\n<p>Roland Schreyer hat sich nach der Schule zum Elektriker ausbilden lassen, doch auch er musste f\u00fcr 1,5 Jahre den Wehrdienst der DDR antreten. Er sollte ebenfalls als ausgebildeter Elektriker die Instandhaltung der Grenz\u00fcbergangsstelle gew\u00e4hrleisten. Als er schlie\u00dflich 1981 ein Studium im Fach P\u00e4dagogik begann, erkannte er die Strategie der DDR, auch die neuen Generationen zu manipulieren. Der ehemalige DDR-B\u00fcrger erkannte auch, dass er selbst zu all dem nicht stand. So wurde der Wunsch nach Freiheit und der, in die damals so traumhafte Bundesrepublik Deutschland zu fl\u00fcchten, immer gr\u00f6\u00dfer und als dann auch noch die Reiseerleichterung in die Schreyer in die Karten spielte, schloss er den Entschluss, allein in die BRD zu reisen, da die Familien damals als ,,Pfand\u2018\u2018 in der DDR bleiben mussten. Als er nicht wiederkam und seiner Frau einen ,,unerwarteten\u2018\u2018, jedoch eigentlich abgesprochenen Brief schrieb, in dem er sagte, er w\u00fcrde nicht mehr zur\u00fcckkehren und sie ihn bei der Volkspolizei meldete, wurde sie zur Scheidung gedr\u00e4ngt und sein Vater aus dem DDR-Dienst entlassen, als Druckmittel f\u00fcr Roland Schreyer, wieder zur\u00fcck zu kehren. Als Frau Schreyer dies ablehnte und dann jedoch der Antrag auf Familienzusammenf\u00fchrung abgelehnt wurde, welcher eigentlich als legaler Fluchtplan der beiden vorgesehen war, schmiedete Roland Schreyer einen riskanten Plan, seine damals  neunj\u00e4hrige Tochter, seine 32-J\u00e4hrige Frau und seinen 58-J\u00e4hrigen Vater in die BRD zu holen.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend er in der Bundesrepublik bei einem Cousin wohnte, waren Tochter, Frau und Vater noch im Heimatort, dem Sperrzonengebiet Harbke in Sachsen-Anhalt, in dem Schreyer auch seine gesamte Jugend verbrachte. Diesen Ort kannte er besser als alles andere, genauso den Grenzbach Wirbke, von dem er wusste, dass er von der DDR zur BRD flie\u00dft. Der 800 Meter lange Kanalisationstunnel bot Schreyer einen perfekten Fluchtweg, indem er Sperrgitter zers\u00e4gte. Bei einer Probeflucht spielte er die genaue Situation nach, als er bemerkte, dass das Wetter bei der richtigen Flucht schlecht sein m\u00fcsse, damit er nicht bemerkt werden w\u00fcrde, denn er beteuerte: ,,Das w\u00e4ren zehn Jahre Gef\u00e4ngnis gewesen, wenn ich aufgeflogen w\u00e4re.\u2018\u2018 Somit w\u00e4hlte er einen Tag aus, an dem es st\u00fcrmen sollte. Als er mit Startschwierigkeiten versuchte, seine Frau zu kontaktieren, gab er ihr durch Umschreibungen zu verstehen, wann sie mit den anderen da sein m\u00fcsse. Sie tauchte rund eine Stunde zu sp\u00e4t am vereinbartem Treffpunkt auf und Roland Schreyer dachte sich damals: ,,Das Ding k\u00f6nnte klappen!\u2018\u2018 Und damit hatte er Recht! Denn er und seine Frau schafften es ohne Probleme, durch den Kanal, seine Tochter schlug sich laut ihm tapfer und blo\u00df sein Vater hatte ein paar k\u00f6rperliche Probleme bei der Flucht. Als er mit seiner Familie am 1. Juli 1988 der DDR den R\u00fccken kehrte, wurden sie sentimental, weil sie dachten, sie w\u00fcrden sich f\u00fcr immer von ihrem Zuhause verabschieden m\u00fcssen. Dabei wussten sie noch nicht, dass rund 1,5 Jahre sp\u00e4ter die Berliner Mauer fallen, Deutschland wieder vereint sein und die DDR Geschichte sein w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>Was mit technischen Startschwierigkeiten begann, endete mit ca. 20min\u00fctiger Verl\u00e4ngerung und einem faszinierten Publikum voller Fragen an Herrn Schreyer, aber auch an seine Frau. Von Spitzeln im n\u00e4heren Umfeld der Familie, bis hin zur Entt\u00e4uschung \u00fcber diese, welchen eigentlich viel Vertrauen geschenkt wurde, reichten die Fragen der Oberstufensch\u00fcler und Oberstufensch\u00fclerinnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Stille, blo\u00df die Stimme von Roland Schreyer, einem Zeitzeugen aus der ehemaligen DDR, welcher am 17.03 dem Geschichtskurs der Q2 von seiner riskanten Flucht kurz vorm Mauerfall, seiner Vorbereitung, aber auch \u00fcber die Inhalte seiner Stasi-Ordner berichtete. Nach einer kurzen Fotosession von Schreyer und kurzzeitig technischen Schwierigkeiten begann Herr Winzen die Vorstellung, indem er in einer kurzen Rede beteuerte, wie wichtig die Demokratie in einer Gesellschaft ist und wie gl\u00fccklich sich unsere Generation sch\u00e4tzen kann, nicht in einer Diktatur aufwachsen zu m\u00fcssen, wie Roland Schreyer es musste, Herr Winzen betonte auch: ,,Demokratie ist jeden Tag bedroht. Demokratie in Freiheit ist nicht wie selbstverst\u00e4ndlich gegeben, sondern muss jeden Tag neu erk\u00e4mpft werden.\u2018\u2018 Kurz darauf begann auch schon der Zeitzeuge, von der st\u00e4ndig anwachsenden Grenzanlage um die DDR zu berichten und den Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern zu erl\u00e4utern, mit welch einer Raffinesse die Grenzanlage erbaut wurde und wie teuer der perfide ausgebaute Signalzaun, welcher bei Ber\u00fchrung einen stillen Alarm abgab, war. Schreyer selbst, erl\u00e4uterte er, wuchs mit einer kommunistischen Erziehung auf, in der die Kinder schon fr\u00fch manipuliert wurden. Die Jugend war ideologisch nachhaltig gepr\u00e4gt, sodass sogar Jahrzehnte nach dem Mauerfall in einem alten Klassentreffen noch Streit dar\u00fcber angefangen wurde, ob die DDR gut oder schlecht war. Roland Schreyer hat sich nach der Schule zum Elektriker ausbilden lassen, doch auch er musste f\u00fcr 1,5 Jahre den Wehrdienst der DDR antreten. Er sollte ebenfalls als ausgebildeter Elektriker die Instandhaltung der Grenz\u00fcbergangsstelle gew\u00e4hrleisten. Als er schlie\u00dflich 1981 ein Studium im Fach P\u00e4dagogik begann, erkannte er die Strategie der DDR, auch die neuen Generationen zu manipulieren. Der ehemalige DDR-B\u00fcrger erkannte auch, dass er selbst zu all dem nicht stand. So wurde der Wunsch nach Freiheit und der, in die damals so traumhafte Bundesrepublik Deutschland zu fl\u00fcchten, immer gr\u00f6\u00dfer und als dann auch noch die Reiseerleichterung in die Schreyer in die Karten spielte, schloss er den Entschluss, allein in die BRD zu reisen, da die Familien damals als ,,Pfand\u2018\u2018 in der DDR bleiben mussten. Als er nicht wiederkam und seiner Frau einen ,,unerwarteten\u2018\u2018, jedoch eigentlich abgesprochenen Brief schrieb, in dem er sagte, er w\u00fcrde nicht mehr zur\u00fcckkehren und sie ihn bei der Volkspolizei meldete, wurde sie zur Scheidung gedr\u00e4ngt und sein Vater aus dem DDR-Dienst entlassen, als Druckmittel f\u00fcr Roland Schreyer, wieder zur\u00fcck zu kehren. Als Frau Schreyer dies ablehnte und dann jedoch der Antrag auf Familienzusammenf\u00fchrung abgelehnt wurde, welcher eigentlich als legaler Fluchtplan der beiden vorgesehen war, schmiedete Roland Schreyer einen riskanten Plan, seine damals neunj\u00e4hrige Tochter, seine 32-J\u00e4hrige Frau und seinen 58-J\u00e4hrigen Vater in die BRD zu holen. W\u00e4hrend er in der Bundesrepublik bei einem Cousin wohnte, waren Tochter, Frau und Vater noch im Heimatort, dem Sperrzonengebiet Harbke in Sachsen-Anhalt, in dem Schreyer auch seine gesamte Jugend verbrachte. Diesen Ort kannte er besser als alles andere, genauso den Grenzbach Wirbke, von dem er wusste, dass er von der DDR zur BRD flie\u00dft. Der 800 Meter lange Kanalisationstunnel bot Schreyer einen perfekten Fluchtweg, indem er Sperrgitter zers\u00e4gte. Bei einer Probeflucht spielte er die genaue Situation nach, als er bemerkte, dass das Wetter bei der richtigen Flucht schlecht sein m\u00fcsse, damit er nicht bemerkt werden w\u00fcrde, denn er beteuerte: ,,Das w\u00e4ren zehn Jahre Gef\u00e4ngnis gewesen, wenn ich aufgeflogen w\u00e4re.\u2018\u2018 Somit w\u00e4hlte er einen Tag aus, an dem es st\u00fcrmen sollte. Als er mit Startschwierigkeiten versuchte, seine Frau zu kontaktieren, gab er ihr durch Umschreibungen zu verstehen, wann sie mit den anderen da sein m\u00fcsse. Sie tauchte rund eine Stunde zu sp\u00e4t am vereinbartem Treffpunkt auf und Roland Schreyer dachte sich damals: ,,Das Ding k\u00f6nnte klappen!\u2018\u2018 Und damit hatte er Recht! Denn er und seine Frau schafften es ohne Probleme, durch den Kanal, seine Tochter schlug sich laut ihm tapfer und blo\u00df sein Vater hatte ein paar k\u00f6rperliche Probleme bei der Flucht. Als er mit seiner Familie am 1. Juli 1988 der DDR den R\u00fccken kehrte, wurden sie sentimental, weil sie dachten, sie w\u00fcrden sich f\u00fcr immer von ihrem Zuhause verabschieden m\u00fcssen. Dabei wussten sie noch nicht, dass rund 1,5 Jahre sp\u00e4ter die Berliner Mauer fallen, Deutschland wieder vereint sein und die DDR Geschichte sein w\u00fcrde. Was mit technischen Startschwierigkeiten begann, endete mit ca. 20min\u00fctiger Verl\u00e4ngerung und einem faszinierten Publikum voller Fragen an Herrn Schreyer, aber auch an seine Frau. Von Spitzeln im n\u00e4heren Umfeld der Familie, bis hin zur Entt\u00e4uschung \u00fcber diese, welchen eigentlich viel Vertrauen geschenkt wurde, reichten die Fragen der Oberstufensch\u00fcler und Oberstufensch\u00fclerinnen.<\/p>\n","protected":false},"author":5,"featured_media":1516,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[7,17,3,8],"tags":[],"class_list":["post-1512","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aktuelles","category-ddrspecial","category-die-reise","category-schulisches"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/forstersreise.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1512","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/forstersreise.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/forstersreise.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/forstersreise.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/5"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/forstersreise.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1512"}],"version-history":[{"count":5,"href":"http:\/\/forstersreise.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1512\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1524,"href":"http:\/\/forstersreise.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1512\/revisions\/1524"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/forstersreise.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/1516"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/forstersreise.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1512"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/forstersreise.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1512"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/forstersreise.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1512"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}